Organisation zur Umwandlung des Kinos

Aktuell

 

Am 12. September 2016 erscheint MORGENRÖTE IM AUFGANG in der Suhrkamp-Film-Edition mit einem reichhaltigen Booklet und englischen, französischen, holländischen, sowie polnischen Untertiteln auf DVD:

 

 

Suhrkamp-Verlag

 

Trailer

 

 

Der deutsche FILMGEIST Preis 2016, "für ein Werk, das in herausragender Weise dem GEISTIGEN filmischen Ausdruck verleiht" ging am 26. Mai 2016 an den Film:

 

MORGENRÖTE IM AUFGANG -

HOMMAGE À JACOB BÖHME



 

SYNOPSIS

Der Görlitzer Schuhmachermeister und Visionär Jacob Böhme ist die geheimnisvollste und zugleich untergründig einflussreichste Gestalt der deutschen Geistesgeschichte.

Sein mehrtausendseitiges philosophisches Werk ist die Ausformulierung eines radikalen Christentums und der Entwurf einer reichen, bis heute in ihrer Tiefe nicht ausgeloteten Anthropologie, Kosmologie und Naturphilosophie.

Der Film bringt diesen bedeutenden Mann einem heutigen Publikum nahe und beleuchtet damit wesentliche geistige Fragen unserer Zeit.

MORGENRÖTE IM AUFGANG ist kein biographischer Dokumentarfilm mit Zeitkolorit, sondern eine filmische Meditation, in der Jacob Böhme, von einem Darsteller ikonographisch als "Der schreibende Mann" verkörpert, in seinen eigenen Worten zu uns spricht.

 

 

Alle Texte, die im Film gesprochen werden, gehen zurück auf den Wortlaut der 1730 in Amsterdam veröffentlichten Gesamtausgabe der Schriften Jacob Böhmes.

MORGENRÖTE IM AUFGANG - hommage à JACOB BÖHME ist eine Koproduktion des Berliner nootheaters mit der Organisation zur Umwandlung des Kinos, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Jacob Böhme Institut und der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, Görlitz.

Der Film wurde durch Mittel der Fondazione Bô Yin Râ gefördert.


HD 16 : 9 / S/W & FARBE / 81 MIN


Der jeweilige Preisträger wird jährlich von dem Verein FILMGEIST Freundeskreis e.V. vergeben und von den Mitgliedern in freier Wahl ermittelt. In der Begründung für die Preisvergabe an den Film heisst es:

"Ihr vielleicht grösster GEIST ist den Deutschen fast gänzlich unbekannt.

Der Film MORGENRÖTE IM AUFGANG bringt uns auf "erstaunlich-schöne Weise" (DER FREITAG) die Magie jener "Wundererscheinung in der Geschichte der Menschheit" (Schelling), des schlesischen Schusters Jacob Böhme nahe.

Kein Dokumentarfilm, kein Spielfilm, kein Essay, - eine eigen-artige filmische Verführung zur Erfahrung unserer zweiten Wirklichkeit.

Der Film, der ohne jegliche Unterstützung durch staatliche Filmförderung in vier-jähriger Arbeit der Filmemacher entstanden ist, mag dem Zuschauer einiges abverlangen und er mag auch nur einem kleinen Publikum zugänglich sein, aber er ist von solch zeitloser Wahrheit, dass er auch noch in 100 Jahren und mehr, wenn alles andere nicht einmal dem Namen nach noch bekannt ist, nichts von seiner Strahlkraft verloren haben wird."

Der Deutsche FILMGEIST Preis versteht sich als Ergänzung zum Deutschen Filmpreis und wurde am Vorabend desselben in feierlichem Rahmen übergeben.

Der FILMGEIST Freundeskreis e.V. ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die für die Verbesserung von Qualität und Ansehen des deutschen Film eintritt.

 

FILMGEIST

 

Im Rahmen der Veranstaltung wurde als Teil einer Danksagung dieser Text vorgetragen:


Organisation zur Umwandlung des Kinos

Gedanken zur Filmkunst

Vielen Menschen offenbart sich die Tiefe ihres Menschseins erst im Leid. "Das schnellste Pferd, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist Leiden, denn es geniesst niemand mehr der ewigen Seligkeit, als wer mit Christus in der grössten Bitterniss steht.", schrieb Meister Eckhart in seinem Traktat "Von der Abgeschiedenheit". Die abendländische Kultur scheint trotz der Frohen Botschaft von dieser deprimierenden Erkenntnis tief geprägt; wir scheinen verlernt zu haben, die Tiefe unseres Seins auch in der Freude erleben zu können - oder wir begnügen uns dabei schon mit dem Wenigen, was die Oberfläche hergibt.

Die großen Filme unserer Zeit bilden die tragische Verfassung des heutigen Menschen sehr genau ab, decken Unmenschliches auf und stellen das Leid in allen Facetten dar. Im Volksmund sagen wir, jemand sei "vom Leid entkräftet". Wir glauben, unserer Gesellschaft eine ähnliche Diagnose ausstellen zu können. Was sich an Schrecklichem und Leidvollem unter uns abspielt und sich nicht nur in unzähligen Filmen reproduziert und dadurch verfestigt, beginnt, alles zu überschatten und es fehlen uns die Kraft und die Utopien, an diesen Umständen etwas zu ändern. Der Berg des Leidens wächst. Der Impuls zu einem wirklich anderen Blick auf den Menschen steht nicht im Raum.

Das gilt auch für gerade die Filmemacher, die wir aufgrund ihrer höchst eindrucksvollen filmischen Form schätzen wie etwa Ingmar Bergmann, Andrej Tarkowskij oder in jüngster Zeit Béla Tarr; die von ihnen gefundene Bildsprache und die befreite, entfesselte Kamera sind von apokalyptischer Melancholie geprägt und zeigen fast ausschließlich verzweifelte Menschen.

Im antiken Griechenland, in Teilen der Kultur des Mittelalters und besonders in der italienischen Renaissance finden sich noch Spuren einer grundsätzlich anderen Kunstvorstellung, in welcher die Künstler ihren Zeitgenossen "vor-bildeten", was diese zu werden fähig wären:

"Genährt vom Kulturwillen ihrer Zeit, stellten alle diese grossen Schaffenden das Ideal solchen Kulturwillens sichtbarlich und in höchster Vollendung in ihren Werken dar. Sie zeigten nicht, wie ihre Zeitgenossen wirklich waren, - denn wahrlich gab es zu ihrer Zeit auch des Niedrigen und Gemeinen gerade genug, - sondern wie sich ihre Zeitgenossen gesehen wissen wollten, durchdrungen von dem starken Willen zur steten Erhöhung ihrer eigenwüchsigen Kultur! Nicht ihr Fehlwertiges, nicht das, was erkannt war als ein zu Überwindendes, stellten sie dar, - sondern das Göttliche, dessen Spuren sie auch unter tierischer Hülle zu gewahren wussten. Ihre Werke sprachen mit lauter Stimme: "Seht, das ist die Welt, die unsere Besten ahnen!" So wirkte ihr Werk auf die Seelen gleichsam als "Vor-Bild" dessen, was der Mensch aus sich machen könne, was er zu werden vermöge. So holte ihr Werk in den Seelen Kräfte aus der Tiefe, die ohne solchen Erweckungsruf niemals schaffend und zeugend ins Leben eingewirkt hätten, und die Mächtigen der äußeren Gewalt wussten sehr wohl, was sie den grossen Bildnern ihrer Zeit zu danken hatten (J.A. Schneiderfranken / Bô Yin Râ Das Reich der Kunst, Basel-Leipzig 1921)."

Als "Künstler" wurden in diesen Epochen die wenigen bezeichnet, die in der Lage waren, mit künstlerischen Mitteln geistige Werte darzustellen und an die folgende Generation zu überliefern, welche den Menschen seelisch erhoben und seinem Geist Nahrung bot. An diesem Punkt möchte die Organisation zur Umwandlung des Kinos anknüpfen und in der Gegenwart neue Formen des filmischen Ausdrucks finden. Film ist das Medium mit der grössten Verbreitung und dem höchsten Wirkungsgrad. Gleichzeitig ist die Filmkunst wie kein anderes künstlerisches Medium fähig, Geistiges sichtbar und erfahrbar zu machen. Das Kino hätte das große Potential, ein Ort zu sein, an welchem dem Heiligen wieder Raum gegeben werden könnte, im Sinne einer Wiederbelebung unserer inneren, seelischen Welten.


Es folgt ein Auszug aus dem Text, der maßgeblich zur Entstehung und Namensgebung der Organisation beigetragen hat:


«KINO», KULTUR UND KUNST

von Joseph-Anton Schneiderfranken / Bô Yin Râ, um 1920

Seit Jahren bringt das Kino seine Schauerdramen, seine verlogenen Detektivgeschichten und unmöglichen Sensationsfilme, ohne daß irgendein Mensch Einspruch erhoben hätte, bis in die jüngste Zeit.

Nun allerdings dämmert es allmählich, und es finden sich, ganz abgesehen von den verschiedentlichen Demonstrationen der Jugend, die wohl nicht gerade zweckmäßig sein dürften, immer mehr gewichtige Stimmen im Kampf gegen den «Kinoschund».

Einsichtige sahen zwar längst, welche Seuche sich da in unsern Volkskörper fraß, aber ihr Unwille gedieh nicht zu lautem Einspruch, und wenn je einer es wagte , das Kind beim Namen zu nennen, fanden seine Worte wenig Widerhall.

Auch heute darf man sich nicht dem frommen Glauben hingeben, man hätte die Mehrzahl der ernst zu nehmenden Menschen hinter sich, wenn man auf die Schädlichkeit der Kinodarbietungen hinweist. In weiten Kreisen, von denen man annehmen sollte, daß die psychologische Bedenklichkeit der Kinodramen für sie durchschaubar sei, begegnet man einer unbegreiflichen Laxheit des Urteils.

Man glaubt, weil man selbst imstande ist, ohne seelischen Schaden die albernsten Absurditäten des Flimmerbildes an sich vorüberziehen zu sehen, es handle sich im Grunde doch nur um eine «recht harmlose Sache», denn man kann, oder mag sich nicht in den Seelenzustand der jugendlichen oder des nur bedingt urteilsfähigen Volkes versetzen, um so die vergiftende Wirkung der allermeisten Filmspiele zu erkennen.

Ich denke dabei durchaus nicht etwa nur an Darstellungen, deren ganze Absicht es ist, die Sinne aufzureizen, auch wenn keinerlei Nacktheit, keinerlei im Sinne der Zensur «unsittliche» Situationen gezeigt werden, obwohl ich auch wieder in keiner weise denen beipflichten kann, die das gröbste Erregen der Sinnlichkeit beinahe als Kulturzweck feiern, denn ich bin der Ansicht, daß die sinnlichen Triebe im Menschen von Natur aus stark genug wirksam sind, und bei gesunden Menschen, am wenigsten bei jugendlichen, der besonderen Aufpeitschung gewiß nicht bedürfen. - -

Jedenfalls nimmt das Kino in dieser Beziehung keine Ausnahmestellung ein, denn was die plumpe Absicht, sinnlichen Kitzel zu erregen betrifft, so leistet da so manche «Industrie» mindestens Ebenbürtiges, von der Postkarte angefangen bis zum literarischtuenden Roman und dem auf die Börse der Theaterbesucher wie ein Strauchdieb spekulierenden Schauspielkitsch.

Viel schlimmer erscheint mir die verheerende Wirkung der Kinodramen zu sein, durch die Verlogenheit der Darstellungen und ihres Milieus. -

Die Filmindustrie, die letzten Endes für alle Schäden allein verantwortlich ist, denn der Kinobesitzer nimmt, was sie ihm bietet, weil er ja nichts anderes bekommen kann, tut sich nicht wenig darauf zu gute, so realistisch wie möglich zu arbeiten. Aber man sehe sich diesen «Realismus» einmal etwas genauer an! Wo in aller Welt gibt es soviel Tagediebe wie im Kinodrama?

Wo in aller Welt leben Menschen der Arbeit, Gelehrte, Erfinder, Kaufleute, Künstler, in der Art und Weise, wie das Kino ihr Leben zu zeigen vorgibt?  Wo in aller Welt können sich normal begüterte Menschen den Luxus des Milieus leisten, der in diesen Kinodramen immer wiederkehrt? -

Die protzig überladene Wohnung eines Schiebers in Berlin WW, mag er nun seinen Reichtum vor, im, oder nach dem Krieg «gemacht» haben, ist doch gewiß nicht der Typus der Wohnung eines jeden Begüterten! - Und ebenso wenig pflegen sich Männer und Frauen anständiger, besitzender Kreise in der Art zu kleiden, wie es die männliche und weibliche Lebewelt der großstädtischen Nachtlokale liebt, die sich das auf anderer Leute Kosten leisten kann.

Was soll der einfache Mann aus dem Volke, der ohnehin schon mit bitteren Gefühlen von einem Leben  der «Reichen» träumt, wie es höchstens in seltenen Auswüchsen einmal bei einem Geldprotzen, der aus der Hefe einer Großstadt aufstieg, zur Wirklichkeit wird, - was soll der Jugendliche, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, bei solchen Schilderungen aufnehmen, wenn nicht Haß und Wut auf alle diese reichen Müßiggänger, oder, im besten Fall, eine völlig überspannte Vorstellung von dem Leben begüterter Kreise und angesehener Berufe, und eine ebenso überspannte Sucht, es ihnen nach Möglichkeit bald gleichtun zu können ?! - - -

Hier steckt meines Erachtens die allerübelste Wirkung der Kinodramen, übler noch als die Geschmacksverbildung in literarischem Sinn, und übler als alle kitschige Erotik. - Die Wirkung ist um so verderblicher, weil ja das Kino wirkliches Leben vortäuschen will und von dem naiven Beschauer auch ohne weiteres als genaue Darstellung des Lebens, wie es wirklich seiner Meinung nach ist, genommen wird. Alles spielt ja in natürlicher Umgebung. Das Leben der Straße spielt mit, wie es sich gerade trifft, wirkliche Gärten und Parks, wirkliche Häuser und wirkliche freie Luft bilden den Hintergrund der Szenen. Unwillkürlich wird auch die «Wirklichkeit» der Innenräume, die nicht wie beim Theater, Kulisse sind, den Eindruck verstärken, man habe es mit wirklichen Begebnissen zu tun. -

Dazu kommt noch, daß doch die meisten Kinoschauspieler und Schauspielerinnen als solche mehr oder weniger «Talmi» sind, von Ausnahmen abgesehen, wo sich eine wirkliche Bühnengröße des Geldverdienstes wegen für das Kino hergibt. Die allermeisten dieser Akteure stammen gewiß nicht aus vornehmen Häusern, kennen das Leben des wirklichen Aristokraten gewiß nicht aus eigener Anschauung, und so geben sie in ihrer Rolle eben, was sie geben können: - Talmi und Kitsch. - Von der Verlogenheit historischer Milieus oder ethnographischer Schauplätze und ihrer agierenden Charaktere sei hier nur nebenbei noch die Rede. Auch hier wird alles, was wirklich belehrend und wertvoll sein könnte, durch eine unsäglich alberne Aufmachung verdorben, und der ohnehin schon allem Kitsch wohl geneigte Geschmack der Menge in geradezu raffinierter Weise noch unter sein ursprüngliches Niveau herabgedrückt.

Das gleiche gilt von den, aller Lebenswirklichkeit hohnsprechenden, so sehr beliebten Detektivgeschichten, die noch außerdem oft geradezu wie «Lehrkurse für Verbrecher und solche, die es werden wollen», wirken. Es wäre eine interessante Aufgabe für Kriminalisten, bei den Verbrechen Jugendlicher, oder sonst Unbescholtener, einmal nach zu forschen, welcher Prozentsatz da auf eine «erste Anregung» aus dem Kino entfällt. - -

Man sieht, es hat gute Gründe, wenn ernste Männer und Frauen heute mit Sorge das «Kinoproblem» betrachten, wenn man endlich anfängt zu sehen, welche verheerende Seuche da mitten unter uns wütet, und nach Mitteln sucht, sie ein zudämmen. - -

Wie ich schon bemerkte, ist es gänzlich verkehrt, den Kinobesitzer als den Schädling anzusehen. Ein solcher Unternehmer würde mit Freuden auch die kulturell wertvollste Einrichtung mit geicher Liebe ausgestalten, wenn sie ihm mehr, oder auch nur gleichen Gewinn bringen könnte.

Und wenn heute wirklich gute, wirklich belehrende Filme überhaupt in so reicher Menge zu haben wären wie der überreich angebotene glänzende Schund, dann würden sich schon heute auch Lichtspieltheater finden, deren Programm auch einen leidlich geschmackvollen, und vor allem verantwortungsbewußten Menschen den Besuch nahelegen könnte.

Der Kardinalpunkt der ganzen Frage ist die Filmbeschaffung, und da wieder nur läßt sich etwas erreichen, wenn ein genügend starker Druck auf die bestehenden Filmgesellschaften ausgeübt werden kann, der ihnen die Frage überhaupt erwägenswert erscheinen läßt.

Bis jetzt «geht» d a s Geschäft ja auch so. - Weshalb also etwas ändern, wenn der übergroße Teil des Publikums doch äußerst zufrieden mit dem Gebotenen ist? - Ohne eine große, über ganz Deutschland verbreitete Organisation wird sich niemals die Stimmstärke entwickeln, die kraftvoll genug ist, das Ohr dieser Finanzmagnaten aufhorchen zu lassen.

Konkurrenzgesellschaften zu gründen, die «nur Gutes» bringen sollen, halte ich für völlig verfehlt . Die bestehenden Gesellschaften arbeiten mit einem eingespielten Riesenapparat und mit Riesenkapital. Sie allein werden auch weiterhin diktieren, und ihr Joch ist der Menge süß. -

Wenn schon die Jugend, hier und an andern Orten, sich der Kinofrage annahm, so meine ich, wäre es g a r nicht so übel , wenn auch von der Jugend die Bildung einer machtvollen deutschen Organisation zur Umwandlung des Kinos ausginge . - Hier wäre jedenfalls ein ausgiebigerer Erfolg zu erwarten, als er jemals von den doch recht daneben hauenden Demonstrationen in Lichtspieltheatern zu erhoffen ist. -

An Unterstützung würde es wahrhaftig nicht fehlen. Ist erst ein Anfang gemacht, dann zweifle ich nicht mehr, daß in ein paar Jahren auch gute Filme in genügender Menge hergestellt werden, «der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb», was die Filmgesellschaften anlangt.

...

Man kommt in erster Linie, um bewegtes Leben auf der Leinwand zu sehen. Daß dieses bewegte Leben eminent bedeutend, belehrend, erheiternd, und in höchstem Grade interessant sein kann, ohne verderblich zu wirken, steht außer Frage.

Aber die prächtigen Möglichkeiten des Filmbildes, das uns alle Wunder der Märchenwelt als Wirklichkeit schauen lassen, und die tiefste ursprüngliche Poesie vermitteln kann, werden niemals in einer andern, als der dem Berliner Nachtkaffeehaus angepaßten Weise ausgenützt werden, wenn sich nicht in ganz Deutschland eine achtunggebietende Anzahl von Männern und Frauen findet (die männliche und weibliche Jugend rechne ich hier in erster Linie dazu), die wenigstens unsern deutschen Filmgesellschaften einmal mit aller Deutlichkeit sagen, wie das deutsche Volk die an sich so wunderbare Erfindung des beweglichen Lichtbildes verwertet wissen will...

Auszug aus dem gleichnamigen Kapitel aus NACHLESE II.

Mit freundlicher Genehmigung des Kober Verlag, Rapperswil

www.kober-verlag.ch


 

 

 

Zwei Reisen für die Organisation zur Umwandlung des Kinos

Im Verlauf des Telefongesprächs hat Frau Schneiderfranken eingewilligt, dass ich mit ihr in Kontakt treten und sie in der Villa Gladiola besuchen dürfe. Bei diesem Gespräch wollten wir insbesondere in Erfahrung bringen, was sie speziell zu dem Text „Kino, Kunst und Kultur" sagen kann, den ihr Vater in den 20er Jahren geschrieben hat, in dem er eine "Organisation zur Umwandlung des Kinos" anspricht. Wir standen zu dieser Zeit in der Überlegung, die Organisation zu gründen und wollten wissen, wie sie diesen Gedanken und dessen Aktualität beurteilt. Dabei haben wir einen wunderbaren Menschen kennenlernen dürfen. Gerne hätten wir ein Interview mit Frau Schneiderfranken als Filmdokument für die Nachwelt realisiert. Hier sind die Gesprächsnotizen, die wir, jeweils nach den beiden Besuchen im Jahr 2009, gemacht haben:

1.    Mit der letzten Bahnverbindung bin ich gerade aus Lugano zurückgekehrt. Es war eine wunderschöne Reise. Auf der Hinfahrt ging es nächtens durch tief verschneite Winterlandschaften, die mich an meine Kindheit und Jugend in Wengen zurückerinnerten (Bô Yin Râ hat auch einen Text über das dort naheliegende Jungfraujoch und seinen Aufenthalt im Hotel Regina in Wengen geschrieben). Die dort beschriebenen Örtlichkeiten sind mir sehr vertraut. Diesmal ging es ab Basel südlich in eine mir weitgehend unbekannte und doch vertraute Richtung. In Lugano erwartete mich am nächsten Tag, wie Frau Schneiderfranken feststellte, nach Schneefall und schlechtem Wetter, der erste Frühlingstag mit blauem Himmel und stetig steigenden Temperaturen.

Die Villa Gladiola ist durch hohe Bambusbüsche gut abgeschirmt von aussen und lässt nur selten die weisse Farbe des Hauses durchscheinen. Wenn man das alte Metallgartentor öffnet, kann man auf die grosse Villa schauen; die meisten Räume mit großzügigen Fenstern sind durch Jalousien verschlossen. Das Haus, umschlossen durch einen grossen Garten, ist auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls durch einen Eingang erreichbar.

Frau Schneiderfranken sagte, dass die Besucher mit den Jahren jünger geworden seien und sie jede Woche mehr als zwei Leser in der Villa begrüßt. Sie empfing mich an der Haustür, auf der auf einem Metallschild Schneiderfranken eingraviert ist. Ich habe meinen Mantel an die Garderobe rechts vom Eingang aufgehängt. Meine Blumen wurden auf einen Holztisch im Flur gestellt, auf der eine Büste ihres Vaters aus Bronze steht. Dort führt auch die Treppe rechts zu den oberen Räumen. Die einzigen Schnittblumen. Die Lillien gefallen ihr. Sie führt mich in den Raum mit dem schwarzen Klavier, das am größten der drei großzügigen Fenster steht. An dem Klavier haben Felix Weingärtner und ein anderer großer französischer Komponist oft gespielt.

Über dem Schreibtisch hängt das Bild von Jesus in einem hellen Holzrahmen, der von BYR mit einem sanften, kaum wahrnehmbaren Anstrich roter Farbe bemalt wurde. Rechts davon ein Bild der Welten-Reihe, ich glaube der Titel ist Urzeugung. Im Raum verteilt weitere, kleinere Originale, alle aus früherer Zeit. An den Wänden blaue Stofftapeten mit goldener Ornamentik. Eine Fülle von Gegenständen, aber alles in schönen Ordnungen. Viele kelchartige Gefässe aus Silber und Gold. Erstaunlich, wie man ein solche Fülle von Gegenständen in eine derartige Ordnung bringen kann. Neben dem Schreibtisch ein weiterer Tisch auf dem sich die vielen Übersetzungen des Lehrwerks in verschiedensten Fremdsprachen in fein geschichteten Stapeln sammeln. Der gesamte Raum ist sehr weiträumig und durch die einstrahlende Sonne lichtdurchflutet.

Wir setzen uns an den großen, dunklen Holztisch links in der Mitte des Raums. Sie hat einen Platz in der Mitte des ovalförmigen Tisches mit dem Rücken zu den Bildern, so dass ihre Gäste in den Genuss des Anblickes kommen. Erst wähle ich einen Platz rechts von ihr, dann bittet sie mich, links von ihr Platz zu nehmen, da ich im Gegenlicht sitzen würde und sie mich kaum erkennen könne. Auf der anderen Seite fühlt es sich für mich auch besser an. Auf dem Tisch stehen silberne Schalen mit Keksen, Schweinsohren und Salzgebäck. "Süß und salzig" bietet sie an - so wie eine gute Großmutter ihren Enkel versorgt. Zu trinken gibt es Saft. Multivitaminsaft, es ist eine schöne Verbindung aus männlicher und weiblicher Energie - ich fühle mich zu Hause. Luxuriöse Ausstattungen kenne ich aus meiner Kindheit, aber die neue Qualität, das nach-Hause-Kommen, ist geistiger Art. Der Raum, in dem wir sitzen, wirkt weitgehend belassen, wie zu BYR`s Zeiten, weiterschwingend durch die Energie seiner Tochter, die nun die Tradition der Besuche der Leser in der alten Tradition fortführt.

In ihrem gutmütigen Gesicht spiegeln sich oft Züge des Vaters. Ich erzähle von der Reise, von meinen Erfahrungen mit dem Lehrwerk, insbesondere anhand des Buches "Die Ehe", wie für mich ein durch den Einfluss der 60er Jahre verlorener Wert durch das Werk wiederbelebt wurde und in meiner Beziehung und Familie einen heilsamen Einfluss hatte.

Ich fragte sie, wann ihr die Bedeutung ihres Vaters bewusst wurde. Sie sagte, dass sie mit 13, 14 begann, neugierig die Bücher ihres Vaters zu lesen. Zuvor hatte sie durch den vielen Besuch, den ihr Vater empfing und die Art, wie die Besucher ihn behandelten, schon sehr früh empfunden, dass ihr Vater eine gewisse Bedeutung und wohl grosses Ansehen hatte. In diesem Alter wollte sie dahinter schauen, was es mit ihrem Vater, dem Maler und Schriftsteller, auf sich hatte.

Mit 6 Jahren ist sie in die Villa Gladiola eingezogen, zuvor hatte die Familie nach ihrer Ausreise aus Deutschland zwei Jahre am Zürichsee gelebt. Sie ist die jüngste der drei Töchter. Bei der Aufenthalts-genehmigung gab es anfangs Schwierigkeiten, weil zeitgleich ein schweizer Schriftsteller, der Aufenthalt in Deutschland beantragt hatte, dort Probleme bekommen hatte. Zu Anfang des Krieges wurde die ältere Tochter von ihrem Vater aus Basel von der Ausbildung zur Bibliothekarin zurück in den Tessin beordert. BYR wurde später mit vielen geflohenen Schriftstellern und Künstlern in einer Gruppe genannt, oft unerwähnt bleibt, dass er zehn Jahre früher schon Deutschland verlassen hat.

Sie hat Namensprobleme, aber die Ereignisse fließen klar und deutlich. Vor 30 Jahren etwa war der Verleger der weissen Bücher, Kurt Wolff, in Lugano und war sehr überrascht, dass all die Bücher, die er schon 1919 gedruckt hatte, immer noch gedruckt und verlegt werden.

Zwischen gesprächsintensiven Phasen und Schweigen wechselt es ab. Nach einer Phase des Schweigens sagt sie: "Sie sehen, ich tauge nicht sehr für ein Interview" Sie verweist lächelnd erinnernd eher an ihre mehr expressiv veranlagte Schwester: "Die hätte das ganz hervorragend bewältigt!" Sie verweist darauf, dass die BYR-Stiftung in der Schweiz die Villa Gladiola trägt, sich für den Erhalt des Lehrwerkes und der Bilder einsetzt und sie dadurch weiter das grosse Haus bewohnen kann. Sonst würde sie in einer zwei bis drei Zimmerwohnung wohnen müssen.Dieser Fakt würde ihr die Möglichkeit geben, sich beweglich zu halten, sagt sie lachend.

Als ich sie auf den Text ihres Vaters zum Film anspreche und sie entsprechende Bemerkungen macht, fällt es ihr erneut schwer, Namen hervorzuholen, die Ereignisse kommen nicht ans Laufen, scheitern an Namen. Dann erzählt sie von einer alten Trickfilmserie, die die Familie gemeinsam gerne und oft im Kino schaute und die ganz anders als die heutigen Trickfilmserien war; in einem der Filme wurde plötzlich in einer Szene im Zirkus angekündigt: "Jetzt kommt der Raubtierbändiger Bô Yin Râ". Da hätten sie sehr gelacht und irgendwie hätte der Texter ja auf humorvolle Art und Weise recht gehabt. "Damit meinen Sie wohl die Doppel-Natur des Menschen" sagte ich.

Sehr lange unterhalten wir uns über digitale und analoge Medien. Sie habe sehr lange Cassetten gehabt und erst vor einem Jahr einen CD-Player gekauft; so hätte sie von Besuchern immer sehr viele Cassetten bekommen und ihr habe der analoge Klang sehr gut gefallen. Meine Vermutung, dass ein s/w-Film als analoger Bildträger bei guter Lagerung bis zu 500 Jahre halten könnte, erstaunt sie. Wie ihr Vater ist sie sehr technikinteressiert, und nach dem Gespräch würde ich das Interview nun ganz anders machen. Wie einen Cassettenrecorder sollte man die Kamera bei ihr an einen bestimmten Platz stellen, und mit einer Fernbedienung könnte sie die Kamera einschalten und auslösen. Alle zwei Tage kommt jemand vorbei und wechselt das Aufnahmematerial und zeigt ihr dann auch Material, was zusammen besprochen wird. Thema: ihre ganze Lebensgeschichte. Die liebe Frau Schneiderfranken hält die Aura am Leben, aber was kommt nach ihrem Tod? Alle drei Töchter haben keine eigene Familie gehabt. Eine Renovierung könnte beispielsweise die wohlgehütete Aura vertreiben. Auch in dieser Hinsicht wäre ein Dokument wünschenswert, in Form einer Zeitaufnahme, "als alles noch stimmte".

Frau Schneiderfranken ist vermutlich introvertierter als ihre Schwestern, aber gerade dadurch wäre es sehr intensiv. Ich bin nicht mehr auf die Möglichkeiten eines Interviews eingegangen, aber etwa 15 Minuten bevor ich gegangen bin, ist sie noch einmal von sich darauf zurückgekommen, um erneut auf ihre Schwester hinzuweisen. Ich glaube, sie hat sehr viel zu sagen, aber nimmt sich als jüngste Schwester sehr zurück. Die Verabschiedung ist herzlich, der Kontakt soll gehalten werden. Als ich herauskomme, ist die Temperatur weiter gestiegen. Ich gehe zu Fuß zum Bahnhof und bekomme die letzte Verbindung nach Hannover. Im Zug lese ich BYR`s Buch „Wegweiser", im ersten Kapitel geht es um die Jahreszeiten des Seelenlebens und es fühlt sich sehr nach Frühling an. Nicht wie bei einem Anflug mit dem Flugzeug, wenn man auf seinem Rückflug aus einem sonnigen Land wieder in das Grau Deutschlands eintaucht, sondern wie in Zeitlupe taucht der Zug wieder in den Winter ein.

2.    Ich bin in der Nacht aus der Schweiz zurückgekehrt. Schon die Fahrt durch die Schweiz, inmitten der Berge, erinnerte mich an meine Kindheit und Jugendzeit. Ich habe bis zu meiner Volljährigkeit bestimmt ein Viertel meines Lebens im Berner Oberland verbracht - praktisch jede Ferien.

Die Zusammenkunft war diesmal noch vertrauter und offener. Ich konnte mir mehr Zeit nehmen, besser beobachten, den Garten und später auch die Bilder im Wohnzimmer. Der Tisch mit der BYR-Skulptur war mit Blumen überdeckt, so dass mein Strauss, überwiegend aus Lillien bestehend, nur neben dem Tisch am Boden Platz finden konnte. Ich könnte mir vorstellen, dass der Blumenladen unten an der Strasse seine Existenz zu einem großen Teil wohl Frau Schneiderfranken zu danken hat und die Verkäuferin bestimmt nicht einmal etwas von ihrer Existenz weiß.

Bei der Begrüssung nehme ich leider wahr, dass ihr Rücken immer krummer wird. Abgesehen davon war Frau Schneiderfranken in sehr guter Verfassung. Sie wirkte diesmal sehr wach und klar, das Namensgedächtnis, das ihr beim ersten Treffen manchmal zu schaffen machte, fiel diesmal in keiner Weise ins Gewicht. Sie sagte, dass sie sich im Sitzen sehr wohl fühle. Durch den gebeugten Rücken erscheint sie beim Hereinkommen wie eine alte Frau, aber wenn wir uns am Tisch gegenübersitzen, wirken ihre Gesichtszüge so offen und entspannt, dass sie im Verlauf des Gesprächs immer jünger wird, ich plötzlich einer Fünfzigjährigen gegenübersitze. Dort strahlt ein ruhiger, unerschütter-licher Optimismus.

Sie sagt, es sei in den Jahren ein stetiger Fortschritt zu erkennen, er geschehe jedoch langsam fortschreitend. Sie berichtet, dass zunehmend schon junge Leute, achtzehnjährig, kurz nach ihrem Abitur, sie in der Villa besuchen kämen. Ich lese ihr den Text "Kino, Kunst und Kultur" vor. Ein Mitglied der EBDAR meinte in einem Telefonat, der Text sei für BYR "ungewöhnlich bissig" und möglicherweise als Weckruf auf die kommende Nazizeit zu verstehen, doch sie stimmte mit mir überein, das dieser Text, zwar außerhalb des Lehrwerks stehend, dennoch als zeitlos zu verstehen sei und seine Gültigkeit beibehalten habe. In dem Kontext Film erwähnte sie ihre Vorliebe für "Don Camillo und Peppone"- Filme und BYR`s Neigung zu Karl Valentin und Liesel Karstadt. Die Don Camillo-Filme habe ich mir darauf gesammelt noch einmal angeschaut. Auch in Hinsicht darauf, wie man den Kandidaten von Anker Larsen filmisch zum Leben bringen könnte.

Auf Johannes Anker Larsen angesprochen, erzählte sie, dass sie vor acht Jahren mit der Tochter von Larsen in telefonischem Austausch stand, seitdem aber nichts von ihr gehört habe. Sie ist etwa im gleichen Alter wie Frau Schneiderfranken.

Diesmal konnte ich die Bilder noch eingehender betrachten. Sie meinte, wenn man Glück hätte, könne man heute vielleicht noch ein Bild von ihm erstehen. In den frühen Jahren signierte er mit J.A. Schneider, dann mit J.A. Schneiderfranken und schließlich mit B.Y.R..

Bei der ersten Begegnung erinnerte ich mich daran, wie es ist, wenn ein Enkel seine Großmutter besucht, nur noch viel reiner; dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als sie am Ende des Gesprächs meinte, früher hätte man nach dem Besuch noch zusammen gegessen, aber da dies heute nicht mehr in dieser Form möglich wäre, drückte sie mir 70 Schweizer Franken in die Hand und meinte, ich solle es mir noch gut schmecken lassen. Zuvor durfte ich mich noch ins Gästebuch eintragen, das von regem Besuch kündete.

Frau Devadatti Schneiderfranken ist am Freitag, den 20. Februar 2015, gestorben. Sie wurde im Jahr 1919 geboren.