Organisation zur Umwandlung des Kinos

Anmerkungen zum Metier

(aus: "Ich will, was ich soll", Roman von J. Anker Larsen, Dramaturg am Kopenhagener Schauspielhaus, 1933)

"Da sitzt du, du kleines Menschenkind, das einmal sterben muss - mit voller Verantwortung für das Leben, das du gelebt hast. Frag mich nicht nach dem, was jetzt aus deinem Blick spricht, obgleich du es selber kaum weisst: Verantwortung gegen wen? Gegen was? Denn das weiss ich nicht. Ich weiss nur mit Sicherheit dieses eine, mit derselben Sicherheit, mit der ich weiss, dass ich lebe, weiss ich dieses: Verantwortung haben wir. Da sitzt du und weisst nicht wer du sein willst, du weisst nichts anderes, als was du sein willst: Schauspieler. Was meinst du denn, was die Schauspielkunst ist ? Antworte mir nicht, denn du wirst antworten, was du gehört und gelernt hast, was sie für die Bühne ist, für das Publikum, für die Kritik. Aber ich frage danach, was sie für das Leben ist, für das Leben des Künstlers, der sich ihr opfert. Und ich sage dir: sie ist die schnellste Wegabkürzung zum Himmel - oder zur Hölle. Alle, von denen zu reden lohnt, müssen einen der beiden Wege gehen. Die anderen können in dem Mittelmäßigkeitstümpel - in Midgard - weiterplantschen.


Die Grossen unter uns, ja, die haben das instinktive Wissen , dass ein Schauspieler entweder mehr oder weniger sein muss als ein Mensch: Ein einziger vielleicht in jedem Jahrhundert geht einmal den geraden Weg zum Himmel aller Himmel. Die anderen wagen es nicht, weil auf diesem Weg als erstes Erfordernis von ihnen verlangt wird, dass sie, schonungslos gegen sich selbst, die Entwicklung ihres Charakters vor ihr künstlerisches Vorwärtskommen setzen. Und das können sie nicht; das wagen sie nicht; sie setzen "die Kunst" voran. Toren, die nicht wissen, dass gross auf der Bühne und gross im Himmel ein und dasselbe für sie sein müsste, weil ja ihre Kunst den Menschen zum Segen sein soll. Sie aber wählen, was sicherer und bequemer ist und worin ja auch die berühmten Muster ihnen vorangehen: sie werden als Menschen minderwertiger, Lohn und Strafe kommen aber unversehens und unabwendbar: sie "haben Erfolg", sie "machen ihr Glück". Aber dieses Glück ist ein Theaterglück, hinter dem sich Fäulnis verbirgt. Sie verraten die Kunst, die ihnen das Heiligste von allem sein sollte, und machen sie zu dieser Halb- und Afterkunst, die sie geworden ist: "Vergnügungen!" - unter dieser Rubrik erscheinen ja die Theateranzeigen in den Zeitungen. "Nicht bloss zum Vergnügen!" das hätte man mit goldenen Buchstaben gross über den Eingang des Nationaltheaters setzen sollen! Was fangen sie nicht an mit dem Wort! Das Wort! Das Wort, die Seele im Laut! Aber da muss immer gelogen werden. Ehrlich sollte es sein, das Wort, wie das Brüllen der Tiere in Hunger oder Liebe, ein Brüllen in Lust und Not. Das Wort ist vor allem das Erste. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Gott hat sich selbst erlebt: da sprach er sein Wesen aus - und die Welt erstand. Das, das ist es, was wir auf der Bühne wiederholen sollen! Wir sollen unser Wesen aussagen und dadurch eine Welt erschaffen, wie der Dichter es tut, wenn er Worte niederschreibt. Wir sollen seine Worte in uns hineinsinken lassen, in unseren Geist, bis sie die Tiefe erreichen, aus der sie bei ihm entsprangen. Da wiederholen wir sie auf eine Art, die ihm versagt ist, mit unserer Stimme und unserem Körper. So sind wir schaffende Künstler. Ja, das sollten wir tun. Was aber tun wir? Auswendig gelernte Sätzchen sagen wir her, wirkungsbewusst und gewandt, angemalt auf der einen, leer auf der anderen Seite, wie die Leinwandkulissen, zwischen denen wir herumgehen. Das ist nicht die lebendige Sprache des Lebens und auch nicht die der Kunst. Das ist ein Theateresperanto, eine hergebrachte, abgedroschene Bühnennormalsprache, in der sich Schauspieler und Zuschauer bald so gut auskennen, dass niemand mehr hinhören mag. Also müssen Hilfsmittel aus anderen Künsten herhalten: Der Maler, der Bühnenbildner, der die Bühne mit Spielzeug füllt, dass das liebe Volk was zu schauen und zu staunen hat, damit es darüber die Leere der Worte vergessen kann, jener Worte, die keiner hören mag; jener Worte, die, wenn mir recht ist, doch erst das Stück bedeuten. Was, zum Teufel in der Hölle, geht dieses Puppentheater die Schauspielkunst an! Sie stirbt ja daran. "Dialogführung!" "Einsätze bringen!". Wie ich schon diese Fachausdrücke hasse! Alles lebendige Leben in unserer eigenen, persönlichen Sprache wird ja auf die Art ausgetrocknet. Davon kommen die Maden in unser Denken und Fühlen! Es ist keine Spur von Leben mehr in den Komödianten auf der Bühne. Aber ausserhalb der Bühne, ja, da ist alles Komodie, was sie tun. Sie leben ein Bastardleben, das Theatralik und Wirklichkeit in einem unwürdigen Augenblick miteinander gezeugt haben! Da, nimm ein Buch: es ist etwas Ganzes mit einem inneren Zusammenhang. Das ist das Leben: so ist ein Mensch. Reiss die Blätter heraus! Schneid sie in Stücke, leg die Fetzen wieder hinein, bunt durcheinander; es ist noch alles da, aber ohne Zusammenhang. So ist ein Schauspieler: schlag das Buch auf, und du findest schon etwas, aber was du findest, das bleibt dem Zufall überlassen. Gib ihm einen Stoss, und es fällt schon etwas heraus. Aber es ist ein Zufall, was da herauspurzelt und was zwischen den Buchdeckeln stecken bleibt! Du sagst: 'aber im Zuschauerraum unten sitzen doch auch lebendige Menschen. Und die Künstler, die jeden Abend bei ihnen Erfolg haben und dadurch ihr Glück machen, die können doch garnicht so minderwertig sein, wie du meinst.' Einen Dreck mach ich mir aus eurem Glück und eurem Erfolg! Das ist es nicht, worauf es ankommt. Worauf es ankommt, ist dies: Glück sollen wir geben, indem wir uns selbst vergessen. Unser tiefstes Wesen sollen wir geben. Und wir sollen die da unten dahin bringen, dass auch sie sich selbst vergessen, damit sie durch uns sich selbst tiefer erleben, als sie es sonst vermögen."