Organisation zur Umwandlung des Kinos

Aus Tarkowskij "Der Spiegel"

"Auf jeden Fall muß mit eindeutiger Gewißheit auch festgehalten werden, dass die Durchschnittsnormen des Kommerzfilms und die gängige Fernsehproduktion das Publikum auf geradezu unverzeihliche Weise verderben, da sie es aller Kontaktmöglichkeiten mit wirklicher Kunst berauben. Es ist bereits zu einem fast vollständigen Verlust der so außerordentlich wichtigen Kategorie des Schönen in der Kunst gekommen, die für mich das Streben nach dem Idealen bedeutet. Jede Zeit steht im Zeichen der Wahrheitssuche...

Zur Aufnahme von Kunst ist nur wenig nötig: Man braucht dazu lediglich eine wache, sensible Seele, die offen für das Schöne und Gute, fähig zu unmittelbaren ästhetischen ästhetischen Erleben ist. In Rußland beispielsweise gab es unter meinen Zuschauern viele solcher Menschen mit noch nicht einmal besonders hohem Wissensstand und Bildungsgrad. Meiner Meinung nach wird die Rezeptionsfähigkeit dem Menschen bereits mit in die Wiege gelegt, sie hängt von seiner spirituellen Veranlagung ab. Die Formel "Das begreift das Volk nicht!" hat mich schon immer ganz schrecklich empört. Was soll das eigentlich? Wer nimmt sich hier das Recht heraus, im Namen des Volkes zu sprechen, sich selbst als Inkarnation der Mehrheit des Volkes auszugeben. Und wer weiß schon, was "das Volk" nun begreift oder nicht, was es braucht oder ablehnt? Oder hat vielleicht irgendwann einmal jemand zumindest eine bescheidene, ehrliche Befragung dieses Volkes durchgeführt, um sich Klarheit über dessen Sehnsüchte, Hoffnungen und Enttäuschungen zu verschaffen? Ich selbst bin Teil meines Volkes: Ich lebte mit meinen Landsleuten im selben Vaterland zusammen, machte dabei - meinem Alter entsprechend - die gleichen Erfahrungen wie sie, beobachtete und reflektierte die gleichen Lebensprozesse...

An seinem schlechten Geschmack ist der Zuschauer übrigens nur zum Teil selber schuld, da uns da Leben keine Chancengleichheit für die Vervollkommnung unserer ästhetischen Kriterien einräumt. Darin liegt die wirkliche Tragik dieser Situation! Nur sollte man doch bitte nicht so tun, als sei das Publikum der "höchste Richter" eines Künstlers. Denn wer genau soll das sein?

 

 

"Und die kulturpolitisch Verantwortlichen sollten sich deshalb gefälligst um die Schaffung eines bestimmten kulturellen Klimas und um ein bestimmtes künstlerisches Produktionsniveau kümmern, anstatt den Zuschauer mit bewußten Surrogaten und Abziehbildern vollzustopfen, die ihm nur rettungslos den Geschmack verderben. Das ist allerdings eine Aufgabe, die leider nicht von den Künstlern, sondern von den verantwortlichen Kulturpolitikern entschieden wird...

Warum bevorzugt das Massenpublikum im Kino häufig exotische Sujets, die nicht mit seinem eigenen Leben zu tun haben? Es meint das eigenen Leben hinlänglich zu kennen, hat es bis zur Ermüdung über und will im Kino lieber unbekannte Erfahrungen machen: Je exotischer, um so interessanter, unterhaltsamer und informativer scheint ihm der entsprechende Film zu sein. Doch das ist schon eher eine soziologische Problematik: Warum sucht eigentlich die eine Zuschauergruppe im Kino ausschließlich ablenkende Unterhaltung, während die andere einen klugen Gesprächspartner erwartet? Weshalb zählt für die einen nur Äußerliches, vermeintlich "Schönes", das in Wirklichkeit nur Geschmackloses, unbegabte Handwerkelei ist, während andere durchaus die Fähigkeit zu äußerst sensiblen, tatsächlichen ästhetische Erlebnissen haben? Worin liegen die Gründe für die ästhetische und zuweilen auch moralische Abgestumpftheit eines großen Teils der Menschen? Wer trägt die Schuld daran? Und kann man diesen Leuten überhaupt zu jenem Höherern und Schönen, zu jener spirituellen Aktivität verhelfen, die wirkliche Kunst im Menschen zu wecken vermag?

Die Antwort bietet sich von selbst an, und wir wollen uns dabei nur auf eine einzige Feststellung beschränken. Aus unterschiedlichen Gründen "füttern" die verschiedenen sozialen Systeme das Massenpublikum mit schrecklichen Surrogaten, ohne daran zu denken, wie man ihm Geschmack anerziehen oder einimpfen könne. Der einzige Unterschied besteht darin, dass im Westen jeder Mensch seine freie Wahl treffen und sich ohne weiteres die Filme der bedeutensten Regisseure ansehen kann. Doch deren Wirkung scheint offensichtlich recht unbedeutend zu sein, da die Filmkunst im Westen häufig im ungleichen Kampf mit dem kommerziellen Film unterliegt.

Gerade wegen dieser Konkurrenz mit dem kommerziellen Kino kommt dem Filmregisseur eine besondere Verantwortung gegenüber den Zuschauern an. Denn aufgrund der spezifischen Filmwirkung (also jener Gleichsetzung von Film und Leben) können selbst die unsinnigsten Kommerzschinken auf ein unkritisches und unaufgeklärtes Publikum denselben magischen Effekt ausüben, den echte Filmkunst für einen anspruchsvollen Kinogänger hat. Der entscheidende, ja tragische Unterschied liegt darin, dass ein künstlerischer Film bei seinem Publikum Emotionen und Gedanken weckt, während das Massenkino mit einer besonders eingängigen und unwiderstehlichen Wirkung auch noch die restlichen Gedanken und Gefühle seines Publikums endgültig und unwiderbringlich erlöschen läßt. Menschen, die schon gar kein Bedürfnis mehr nach dem Schönen und Geistigen haben, benutzen den Film wie eine Coca Cola-Flasche... Eine Kunst, die die geistigen Bedürfnisse und Hoffnungen der Menschheit zum Ausdruck bringt, spielt letztlich eine kolossal wichtige Rolle für die moralische Erziehung."