Organisation zur Umwandlung des Kinos

Gedanken, Zitate und Begleitmaterial zum Kolloquium für GEISTbewegenden Film

Die Frage warum etwas wertvoll oder Kunst einfach gut ist, entscheidet sich daran, ob die Wiederholung von bereits bestehenden Klischees, Denk- und Schaffensmustern stattfindet, oder ob etwas Neues freigelegt wird, etwas Unerwartetes, noch nicht Gesehenes, noch nicht Gedachtes, ein eigener Stil oder eine eigene Sichtweise, zumindest eine präzise Beschreibung von Welt, die nicht nur Allgemeinplätze des Geistes reproduziert.

Somit ist eine genaue Definition schwer und auch nicht wünschenswert, vielmehr steht der Begriff GEISTbewegender Film als Arbeitshypothese, als Unbekannte: "Ein Maler weiß, dass sein Material die Farben sind, und auch einem Schriftsteller ist sehr wohl bekannt, dass die Waffe seiner Wirkung das Wort ist. Nur wir Filmemacher sind uns nicht mit letzter Gewißheit über das "Material" klar, aus dem der künftige Film wird. Das Kino sucht noch insgesamt nach seiner Spezifik, und innerhalb seiner allgemeinen Entwicklung sucht auch der einzelne Filmkünstler nach einer eigenen, individuellen Stimme." (Andrej Tarkowskij)

GEISTbewegender Film soll nicht als ein Begriff für ein spezifisches Genre stehen, sondern beschreibt vielmehr die Absicht des Künstlers seine Ideale zum Ausdruck zu bringen, was vielmehr ein Ausbruch aus allen Genres erfordert. Der Begriff GEISTbewegend soll keinesfalls als Qualitätsmerkmal gesehen werden, im Sinne einer Abqualifizierung vermeintlich geistloser Filme, sondern vielmehr als utopischer Begriff stehen mit Ausblick auf die ungeahnten Möglichkeiten aufbauende, stärkende und geistig inspirierende Filme zu schaffen. "Eine Kunst, die die geistigen Bedürfnisse und Hoffnungen der Menschheit zum Ausdruck bringt, spielt letztlich eine kolossal wichtige Rolle für die moralische Erziehung." (Andrej Tarkowskij)

Der Film ist die wirksamste aller Künste. Viele Mitglieder des Vereins haben in der Bildenden Kunst speziell Film studiert, wie es etwa an der Kunsthochschule in Braunschweig möglich ist. Die Idee zu dem Kolloquium entstand aus dem Kontext unserer Arbeit "Film und Bewußtsein" und findet seine Ursprünge in der Praxis unserer Arbeit.

Wir haben Filmprogramme erstellt, was sich oft als sehr schwierig erwies, da ein Großteil der von uns ausgewählten Filme nicht im Verleih sind, wir beschäftigten uns mit den Lebensläufen der Filmemacher und stellten fest, wie groß der Widerstand ist, der ihnen durch Zensur und Entzug ökonomischer Einflüsse entgegenschlug. Ganz zu schweigen von unseren eigenen Erfahrungen als gemeinnütziger und auf ehrenamtlicher Arbeit aufbauenden Filmverein, der sich praktisch ausschließlich aus der großartigen, existenziell-finanziellen Belastung einiger weniger Mitglieder noch am Leben erhält. Direkter und unmittelbarer Auslöser für das Kolloquium waren jedoch der Kontakt mit Texten aus den 20 er Jahren.

Diese Zeit ist gekennzeichnet durch eine noch wesentlich sensibilisiertere Vergegenwärtigung des Wahrnehmungsprozesses des jungen Filmmediums und findet Niederschlag in einem ersten Versuch eines Umformungsprozess des Kinos. Wir müssen uns vor Augen halten, als 1895 die Gebrüder Lumière in ihrer ersten Filmvorführung die Ankunft eines Zuges zeigten, haben die Zuschauer noch fluchtartig das Kino verlassen. Die Zitate, die sich aus dieser Zeit finden, sind oftmals von einer grundlegenden Klarheit und Frische in Bezug auf dieses neue Medium und der Frühzeit des Kinos, wie z.B. das Zitat des dänischen Schriftstellers Johannes Anker Larsen:

"Wir leben in einem Zeitalter der Ablenkung und Zerstreung. Jede neue Zerstreuung ist wie eine Schaufel Sand, die in die Tiefe des Gedankenlebens geworfen wird. Und der Mensch freut sich auch noch darüber - nicht vermutend, dass er sich über seinen eigenen Untergang freut. Das menschliche Gehirn wird zu einem Wirrwarr von Bildern, die sich bewegen wie die Bilder in einem Film. Es ist unmöglich, sie zum Stillstand zu bringen, um Zeit zu bekommen, darüber nachzudenken. Es ist ein Hetzen von Augenblick zu Augenblick; dadurch gibt es keine Ewigkeit mehr. Dieselbe Hetze beherrscht alle menschlichen Angelegenheiten. Und was mit der Religion geschah, passiert auch mit der Kunst. Der Film ist ein Musterbeispiel unserer Tage. Er ist die mechanische Veränderung der Augenblicke in der Schauspielkunst. Die ganze Gegenwart ist nichts anderes als eine ruhelose Hetze von einem Augenblick zum anderen, zum folgenden und so weiter - bis es keinen folgenden mehr gibt, auf dass im Menschen keine Ewigkeit übrig bleibe."

Zugleich mit der Erfindung des Films zeigten sich seine beiden beherrschenden Tendenzen, die Dokumentation und die Unterhaltung. Erst um 1920, als sich diese beiden Strömungen - vor allem der Spielfilm - im Lichtspieltheater etabliert hatten, entwickelten Bildende Künstler ein drittes Genre, den "absoluten Film", der in unserer akademischen Ausbildung immer als Ausgangspunkt galt und seitdem unter zahllosen begrifflichen Doppelgängern wie etwa "unabhängiger Film" oder "Experimentalfilm" immer wieder auftaucht. In seinem Standardwerk "Film als Kunst" hat Rudolf Arnheim darauf hingewiesen, dass es vorwiegend Maler waren, die dem Film neue, künstlerische Impulse gaben. Trotz der Verschiedenheit von Film und Malerei verband sich erstmals in den Arbeiten von Leger, Duchamp, Eggeling, Ruttmann, Richter, Ray, Picabia, Dali und Cocteau die Tradition der Bildenden Kunst mit dem Film. In freier und komplexer Verwendung der "eigentlichen kinematografischen Mittel" (Richter) entstanden Filme, die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern eine eigenständige Wirklichkeit schaffen. Bildende Künstler greifen - jenseits aller literarischen Adaption - auf die Grundelemente des Films zurück, auf Licht, Rhytmus, Bilderfolge und Projektion.

Doch kommen wir zu dem eigentlichen Auslöser zu diesem Kolloquium zurück. Dieser Text wurde von dem deutschen Maler und Autor Joseph Anton Schneiderfranken (Bô Yin Râ ist der geistliche Name von Joseph Anton Schneiderfranken) verfasst. In «KINO», KUNST UND KULTUR wird sehr eindringlich die schädigende Verwendung des Filmbildes durch die Kinoindustrie und deren Wirkung auf die Gesellschaft aufgezeigt, um daraufhin die Schuldfrage an dieser Entwicklung zu stellen. Den Kinobetreiber entschuldet Schneiderfranken in dieser Frage vollkommen, er sieht die Alleinschuld bei der Kinoindustrie. Der Autor betont, dass ohne eine organisierte Form des Widerstandes, gerade von jungen Menschen (Organisation zur Umwandlungung des Kinos), die genügend Druck auf die Industrie ausübt, keinerlei Änderung in Sicht sei:

«KINO», KULTUR UND KUNST von Joseph Anton Schneiderfranken (Bô Yin Râ)

"Seit Jahren bringt das Kino seine Schauerdramen, seine verlogenen Detektivgeschichten und unmöglichen Sensationsfilme, ohne daß irgendein Mensch Einspruch erhoben hätte, bis in die jüngste Zeit.

Nun allerdings dämmert es allmählich, und es finden sich, ganz abgesehen vonden verschiedentlichen Demonstrationen der Jugend, die wohl nicht gerade zweckmäßig sein dürften, immer mehr gewichtige Stimmen im Kampf gegen den «Kinoschund».

Einsichtige sahen zwar längst, welche Seuche sich da in unsern Volkskörper fraß, aber ihr Unwille gedieh nicht zu lautem Einspruch, und wenn je einer es wagte , das Kind beim Namen zunennen, fanden seine Worte wenig Widerhall.

Auch heute darf man sich nicht dem frommen Glauben hingeben, man hätte die Mehrzahl der ernst zu nehmenden Menschen hinter sich, wenn man auf die Schädlichkeit der Kinodarbietungen hinweist. In weiten Kreisen, von denen man annehmen sollte, daß die psychologische Bedenklichkeit der Kinodramen für sie durchschaubar sei, begegnet man einer unbegreiflichen Laxheit des Urteils.

Man glaubt, weil man selbst imstande ist, ohne seelischen Schaden die albernsten Absurditäten des Flimmerbildes an sich vorüberziehen zu sehen, es handle sich im Grunde doch nur um eine «recht harmlose Sache», denn man kann, oder mag sich nicht in den Seelenzustand der jugendlichen oder des nur bedingt urteilsfähigen Volkes versetzen, um so die vergiftende Wirkung der allermeisten Filmspiele zu erkennen.

Ich denke dabei durchaus nicht etwa nur an Darstellungen, deren ganze Absicht es ist, die Sinne aufzureizen, auch wenn keinerlei Nacktheit, keinerlei im Sinne der Zensur «unsittliche» Situationen gezeigt werden, obwohl ich auch wieder in keiner Weise denen beipflichten kann, die das gröbste Erregen der Sinnlichkeit beinahe als Kulturzweck feiern, denn ich bin der Ansicht, daß die sinnlichen Triebe im Menschen von Natur aus stark genug wirksam sind, und bei gesunden Menschen, am wenigsten bei jugendlichen, der besonderen Aufpeitschung gewiß nicht bedürfen. - -

Jedenfalls nimmt das Kino in dieser Beziehung keine Ausnahmestellung ein, denn was die plumpe Absicht, sinnlichen Kitzel zu erregen betrifft, so leistet da so manche «Industrie» mindestens Ebenbürtiges, von der Postkarte angefangen bis zum literarisch tuenden Roman und dem auf die Börse der Theaterbesucher wie ein Strauchdieb spekulierenden Schauspielkitsch.

Viel schlimmer erscheint mir die verheerende Wirkung der Kinodramen zu sein, durch die Verlogenheit der Darstellungen und ihres Milieus. Die Filmindustrie, die letzten Endes für alle Schäden allein verantwortlich ist, denn der Kinobesitzer nimmt, was sie ihm bietet, weil er ja nichts anderes bekommen kann, tut sich nicht wenig darauf zu gute, so realistisch wie möglich zu arbeiten. Aber man sehe sich diesen « Realismus » einmal etwas genauer an!

Wo in aller Welt gibt es soviel Tagediebe wie im Kinodrama ? Wo in aller Welt leben Menschen der Arbeit, Gelehrte, Erfinder, Kaufleute, Künstler, inder Art und Weise, wie das Kino ihr Leben zu zeigen vorgibt? - Wo in aller Welt können sich normal begüterte Menschen den Luxus des Milieusleisten, der in diesen Kinodramen immer wiederkehrt? -

Die protzig überladene Wohnung eines Schiebers in Berlin WW, mag er nun seinen Reichtum vor, im, oder nach dem Krieg «gemacht» haben, ist doch gewiß nicht der Typus der Wohnung eines jeden Begüterten! - Und ebenso wenig pflegen sich Männer und Frauen anständiger, besitzender Kreise in der Art zu kleiden, wie es die männliche und weibliche Lebewelt der großstädtischen Nachtlokale liebt, die sich das auf anderer Leute Kosten leisten kann.

Was soll der einfache Mann aus dem Volke, der ohnehin schon mit bitteren Gefühlen von einem Leben der « Reichen» träumt, wie es höchstens in seltenen Auswüchsen einmal bei einem Geldprotzen, der aus der Hefe einer Großstadt aufstieg, zur Wirklichkeit wird, - was soll der Jugendliche, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, bei solchen Schilderungen aufnehmen, wenn nicht Haß und Wut auf alle diese reichen Müßiggänger, oder, im besten Fall, eine völlig überspannte Vorstellung von dem Leben begüterter Kreise undangesehener Berufe, und eine ebenso überspannte Sucht, es ihnen nach Möglichkeit baldgleichtun zu können ?! - - -

Hier steckt meines Erachtens die allerübelste Wirkung der Kinodramen, übler noch als die Geschmacksverbildung in literarischem Sinn, und übler als alle kitschige Erotik. -  Die Wirkung ist um so verderblicher, weil ja das Kino wirkliches Leben vortäuschen will und von dem naiven Beschauer auch ohne weiteres als genaue Darstellung des Lebens, wie es wirklich seiner Meinung nach ist, genommen wird. Alles spielt ja in natürlicher Umgebung. Das Leben der Straße spielt mit, wie es sich gerade trifft, wirkliche Gärten und Parks, wirkliche Häuser und wirkliche freie Luft bilden den Hintergrund der Szenen. Unwillkürlich wird auch die «Wirklichkeit » der Innenräume, die nicht wie beim Theater, Kulisse sind, den Eindruck verstärken, man habe es mitwirklichen Begebnissen zu tun. -Dazu kommt noch, daß doch die meisten Kinoschauspieler und Schauspielerinnen als solche mehr oder weniger «Talmi» sind, von Ausnahmen abgesehen, wo sich eine wirkliche Bühnengröße des Geldverdienstes wegen für das Kino hergibt. Die allermeisten dieser Akteure stammen gewiß nicht aus vornehmen Häusern, kennen das Leben des wirklichen Aristokraten gewiß nicht aus eigener Anschauung, und so geben sie in ihrer Rolle eben, was sie geben können: - Talmi und Kitsch. -Von der Verlogenheit historischer Milieus oder ethnographischer Schauplätze und ihrer agierenden Charaktere sei hier nur nebenbei noch die Rede. Auch hier wird alles, was wirklich belehrend und wertvoll sein könnte, durch eine unsäglich alberne Aufmachung verdorben, und der ohnehin schon allem Kitsch wohl geneigte Geschmack der Menge in geradezu raffinierter Weise noch unter sein ursprüngliches Niveau herabgedrückt. Das gleiche gilt von den, aller Lebenswirklichkeit hohnsprechenden, so sehr beliebten Detektivgeschichten, die noch außerdem oft geradezu wie «Lehrkurse für Verbrecher und solche, die es werden wollen», wirken. Es wäre eine interessante Aufgabe für Kriminalisten, bei den Verbrechen Jugendlicher, oder sonst Unbescholtener, einmal nach zu forschen, welcher Prozentsatz da auf eine «erste Anregung» aus dem Kino entfällt . - -

Man sieht, es hat gute Gründe, wenn ernste Männer und Frauen heute mit Sorge das «Kinoproblem» betrachten, wenn man endlich anfängt zu sehen, welche verheerende Seuche da mitten unter uns wütet, und nach Mitteln sucht, sie einzudämmen.

- - Wie ich schon bemerkte, ist es gänzlich verkehrt, den Kinobesitzer als den Schädling anzusehen. Ein solcher Unternehmer würde mit Freuden auch die kulturell wertvollste Einrichtung mitgeicher Liebe ausgestalten, wenn sie ihm mehr, oder auch nur gleichen Gewinn bringen könnte .

Und wenn heute wirklich gute, wirklich belehrende Filme überhaupt in so reicher Menge zu haben wären wie der überreich angebotene glänzende Schund, dann würden sich schon heute auch Lichtspieltheater finden, deren Programm auch einen leidlich geschmackvollen , und vor allem verantwortungsbewußten Menschen den Besuch nahelegen könnte.

Der Kardinalpunkt der ganzen Frage ist die Filmbeschaffung, und da wieder nur läßt sich etwas erreichen, wenn ein genügend starker Druck auf die bestehenden Filmgesellschaften ausgeübt werden kann, der ihnen die Frage überhaupt erwägenswert erscheinen läßt . Bis jetzt « geht » d a s Geschäft ja auch so. - Weshalb also etwas ändern, wenn der übergroße Teil des Publikums doch äußerst zufrieden mit dem Gebotenen ist? - Ohne eine große, über ganz Deutschland verbreitete Organisation wird sich niemals die Stimmstärke entwickeln, die kraftvoll genug ist, das Ohr dieser Finanzmagnaten aufhorchen zu lassen.

Konkurrenzgesellschaften zu gründen, die «nur Gutes» bringen sollen, halte ich für völlig verfehlt . Die bestehenden Gesellschaften arbeiten mit einem eingespielten Riesenapparat und mit Riesenkapital. Sie allein werden auch weiterhin diktieren, und ihr Joch ist der Menge süß. -

Wenn schon die Jugend, hier und an andern Orten, sich der Kinofrage annahm, so meine ich,wäre es g a r nicht so übel , wenn auch von der Jugend die Bildung einer machtvollen deutschen Organisation zur Umwandlung des Kinos ausginge . -

Hier wäre jedenfalls ein ausgiebigerer Erfolg zu erwarten, als er jemals von den doch recht daneben hauenden Demonstrationen in Lichtspieltheatern zu erhoffen ist. - An Unterstützung würde es wahrhaftig nicht fehlen. Ist erst ein Anfang gemacht, dann zweifle ich nicht mehr, daß in ein paar Jahren auch gute Filme in genügender Menge hergestellt werden, «der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb » , was die Filmgesellschaften anlangt. ...

Man kommt in erster Linie, um bewegtes Leben auf der Leinwand zu sehen. Daß dieses bewegte Leben eminent bedeutend, belehrend, erheiternd, und in höchstem Grade interessant sein kann, ohne verderblich zu wirken, steht außer Frage.

Aber die prächtigen Möglichkeiten des Filmbildes, das uns alle Wunder der Märchenweltals Wirklichkeit schauen lassen, und die tiefste ursprüngliche Poesie vermitteln kann, werden niemals in einer andern, als der dem Berliner Nachtkaffeehaus angepaßten Weise ausgenützt werden, wenn sich nicht in ganz Deutschland eine achtunggebietende Anzahl von Männern und Frauen findet (die männliche und weibliche Jugend rechne ich hier in erster Linie dazu), die wenigstens unsern deutschen Filmgesellschaften einmal mit aller Deutlichkeit sagen, wie das deutsche Volk die ansich so wunderbare Erfindung des beweglichen Lichtbildes verwertet wissen will..."

Auszug aus dem Kapitel mit dem gleichen Titel aus Nachlese 2

Ronald Steckel, seit der Ausrichtung unseres ersten Kolloguiums , 2001, im intensiven Kontakt mit dem Filmverein und hoch geschätzter Gast bei unserem Kolloquium, angesprochen auf diesen Text, antwortete uns:

"Das Desaster, das Bô Yin Râ vorausgesehen hat, ist in den letzten 80 Jahren, zumindest in der westlichen Zivilisation, mit brutaler Wucht eingetreten - wenn man bedenkt: der Text stammt aus den 20er Jahren! Völlige Deformation, Verzerrung und Realitätsferne menschlicher Phantasietätigkeit durch die geldgierigen Machenschaften der Filmindustrie und die Macht der elektronischen Medienwelt... also die Seuche hat den "Volkskörper" - wenn man diesen durch die Nazis kontaminierten Begriff verwenden will - bereits zerfressen und es ist kein Innehalten abzusehen. Und jetzt ist es ganz und gar Sache der Einzelnen, ob sie sich aus diesen unwirklichen Welten, von denen sie täglich berannt werden, befreien oder nicht befreien...

Überhaupt scheint ja das wirklich Neue an unserer Situation zu sein, dass die Einzelnen mehr als je zuvor auf sich selber gestellt sind - keine Glaubensgemeinschaft, keine Ideologie steuert oder lenkt oder schützt die Bewegungen der Einzelseelen im Sinne einer wirklichen "Befreiung". D.h. die Filmkunst, die zur Erhebung des Menschlichen hätte beitragen können, ist - im obigen Sinne - zu einem Hauptgegner des Menschen geworden und wird fatalerweise nicht einmal als solcher erkannt".

Doch wir sind nicht gezwungen, diesen Weg fortzusetzen. Wir wollen nicht primär die schädliche Wirkung der Mainstream-Medien anzuprangern, sondern vielmehr konstruktive Aspekte für die Herstellung und Verbreitung geistig wertvoller Filme finden, die dem Menschen Hoffnung und Glauben geben können, Nachdenken erregen über das spezifisch Menschliche und Ewige, das in jedem von uns lebt. Filme, die dem Sinn des menschlichen Lebens Ausdruck verleihen können, Filme, die die seelische Empfindungsfähigkeit wecken, befreien und zu lebendigem Wachstum aufrichten.

Es sollen Grundlagen für ein Konzept zur Unterstützung des aufbauenden, stärkenden und geistig inspirierenden Films herausarbeitet werden, die auch tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden können. Schon allein aus den bereits genannten Texten eröffnet sich ein weites Spektrum an Fragestellungen und Denkanstössen:Was gibt es für konstruktive Aspekte für die Herstellung und Verbreitung geistig wertvoller Filme? Inwieweit ist die Kulturpolitik verantwortlich für die Schaffung eines bestimmten kulturellen Klimas und für ein bestimmtes künstlerisches Produktionsniveau? Und wie steht es um die Verantwortung der Filmschaffenden? In welcher Form könnte Druck auf die Filmindustrie ausgeübt werden? Worin liegt das Wesen der Künstler-Publikum-Beziehung? Wie ist es um die Empfindungsfähigkeit unserer Gesellschaft bestellt? Wo bleibt das Individuum? Wie kann es sich vor den Einflüssen der Medienwelt schützen? Welche Möglichkeiten hat das Individuum auf den beschriebenen Prozess einzuwirken?

Harald Bergmann, Elfi Mikesch und Ronald Steckel haben sich nach Meinung des Filmvereins Sector 16, um die Schöpfung einer wahrhaft GEISTigen - nicht mentalen - Kunst verdient gemacht. Wir sind überzeugt, dass die drei Gäste eine außergewöhnliche Konstellation bilden und in der verdichteten Atmosphäre einer Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung werden sich wertvolle und wichtige Hinweise ergeben. Mit einem Zitat von Andrej Tarkowskij, dessen Filme fast alle Vereinsmitglieder tief bewegen, möchten wir diese vorläufige Materialsammlung zum Kolloquium für GEISTbewegenden Film ausklingen lassen:

"Inzwischen scheint es mir weniger wichtig, über die Kunst an sich beziehungsweise über die Mission der Kinematographie zu reflektieren. Weit wichtiger ist mir jetzt das Leben selbst.

Und da ich nun nicht nur meine Aufgaben als Künstler, sondern vor allem als Mensch definieren möchte, muss ich mich hier auch der Frage nach dem Zustand zuwenden, in dem sich unsere Zivilisation befindet. Der Frage nach der persönlichen Verantwortung des Individuums gegenüber dem historischen Prozess, an dem es Anteil nimmt....

Unter den Bedingungen eines äußerlich dynamischen Handelns im Interesse des "Fortschritts", der Sicherung der Menschheitszukunft, vergaß der Mensch seine eigentliche Individualität, die in dieser allgemeinen Dynamik verloren ging. Indem der Mensch an die Interessen aller dachte, vergaß er das Interesse an sich selbst. Also das, was Christus in seinem Gebot lehrte: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Und dies heißt ja wohl, dass man sich dermaßen lieben soll, dass man in sich selbst jenes Überpersönliche, Göttliche zu achten vermag, das besitzegoistische Privatinteressen verbietet und dafür eine nicht berechnende Hingabe und Liebe für den Nächsten ermöglicht. Genau dies setzt aber echtes Selbstwertgefühl voraus.

Also das Bewußtsein jener tiefen Wahrheit, dass mein "ICH", das das Zentrum meines Erdenlebens bildet, objektiven Wert und Bedeutung hat, sofern es nach spiritueller Vollkommenheit strebt und sich vor allem von egozentrischen Ambitionen freimacht. Ein Interesse an sich selbst, also der Kampf um die eigene Seele, setzt große Entschlossenheit und kolossale Anstrengungen voraus.

Es ist sehr viel leichter, sich moralisch und ethisch gehen zu lassen, als sich auch nur geringfügig von egozentrisch-pragmatischen Interessen freizumachen.

Die Beziehungen der Menschen untereinander gestalten sich dann so, dass sich niemand mehr selbst etwas abverlangt, jedermann sich also von seinen ethischen Anstrengungen lossagt, alle eigenen Ansprüchen anderen Menschen, sozusagen der gesamten Menschheit überantwortet.

Man erwartet jeweils vom anderen, dass er sich anpasst und aufopfert, sich am Aufbau der Zukunft beteiligt, während man selbst an diesem Prozess überhaupt keinen Anteil hat, keinerlei persönliche Verantwortung für das Weltgeschehen übernimmt. Man findet Tausende von Gründen, um sich hiervor drücken zu können, seine selbstsüchtigen Interessen nicht allgemeineren, höheren Aufgaben opfern zu müssen:

Niemand hat den Wunsch und den Mut zu einem nüchternen Blick auf sich selbst, zur Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben und der eigenen Seele.Mit anderen Worten: Wir leben in einer Gesellschaft, die das Ergebnis "allgemeiner" und eben nicht spezifischer Anstrengungen ist.

Der Mensch wird zum Werkzeug fremder Ideen und Ambitionen, beziehungsweise von Führern, die ohne Rücksicht auf die Interessen der Einzelmenschen die Energien und Anstrengungen anderer Menschen formieren und benutzen.

Das Problem persönlicher Verantwortung scheint gleichsam aufgehoben und einem fälschlichen "Allgemein"-Interesse geopfert zu sein, das dem Menschen das Recht eines verantwortungsloses Verhaltens sich selbst gegenüber einräumt.

Von dem Moment an jedoch, in dem wir irgend jemandem die Lösung unserer Probleme überantworten, vertieft sich auch die Kluft der materiellen und geistigen Entwicklung.

Wir leben in einer Welt der Ideen, die andere für uns zurechtgeschneidert haben. Das heißt, wir entwickeln uns entweder nach den Standards dieser Ideen oder entfremden uns diesen immer hoffnungsloser und geraten so in Widerspruch zu ihnen....

Vorläufig sind wir lediglich Zeugen einer sterbenden Geistigkeit. Das rein Materielle hat dagegen schon ein System fest etabliert, ist zur Grundlage unseres Lebens geworden, das an Sklerose erkrankt und von Paralyse bedroht ist. Allen ist klar, dass der materielle Fortschritt den Menschen kein Glück bringt. Dennoch vergrößern wir wie Besessene seine "Errungenschaften".

Auf diese Weise haben wir es dahin gebracht, dass die Gegenwart eigentlich schon mit der Zukunft zusammenfällt, wie es im "Stalker" heißt. Das bedeutet, in der Gegenwart sind bereits alle Voraussetzungen für eine unabwendbare Katastrophe in naher Zukunft gelegt. Wir spüren das alle, sind aber dennoch nicht in der Lage, dem entscheidend Einhalt zu gebieten.

So scheint die Verbindung zwischen dem Handeln des Menschen und seinem Schicksal zutiefst gestört zu sein. Diese tragische Entzweiung bedingt das instabile Selbstgefühl in der modernen Welt. Im eigentlichen Sinne ist der Mensch natürlich sehr wohl von seinem Handeln abhängig.

Doch da er nun einmal so erzogen wurde, als ob überhaupt nichts von ihm selbst abhinge, als ob er selbst überhaupt keinen Einfluss auf die Zukunft nehmen könne, wächst in ihm das falsche, ja verhängnisvolle Gefühl, am Schicksal letztlich völlig unbeteiligt zu sein.Für mich liegt die einzig wirklich wichtige Aufgabe in einer Wiederherstellung eines Verantworungsbewußtseins des Menschen gegenüber dem eigenen Schicksal.

Der Mensch muss zum Begriff seiner eigenen Seele zurückfinden, zum Leiden an dieser Seele, zum Versuch, sein Handeln in Einklang mit dem eigenen Gewissen zu bringen. Er muss wieder akzeptieren lernen, dass sein Gewissen keine Ruhe geben kann, wenn der Lauf der Ereignisse in Widerspruch zu dem gerät, was er selbst darüber denkt.

Das Leiden an der eigenen Seele lässt den wahren Stand der Dinge erspüren, provoziert Verantwortung und das Bewußtsein eigener Schuld. Dann wird man die eigene Trägheit und Nachlässigkeit auch nicht mehr die Ausrede rechtfertigen können, dass man ja doch an den Vorgängen in dieser Welt völlig unschuldig sei, da diese lediglich vom verderblichen Willen anderer bestimmt würden.

Die Wiederherstellung der Weltharmonie hängt meiner Überzeugung nach von einer Restaurierung der persönlichen Verantwortung ab."

Als Reaktion auf den Text von Joseph Anton Schneiderfranken haben wir erste virtuelle Schritte zur Gründung einer "Organisation zur Umwandlung des Kinos" vorgenommen. Auf der Internet-Seite www.sector16.de vom Filmverein findet sich unter dem Stichwort Kolloquium ein Forum mit dem gleichem Namen. Die Zielsetzung ist natürlich eine Umsetzung der Organisation in die Realität, damit sie ihren Handlungsraum ausweitet, um aktiv auf Prozesse einzuwirken, die im Kolloquium für wichtig erachtet werden. Es dient nach der Veranstaltung der Reflexion, Dokumentation und Vertiefung in die Thematik. Wir rufen alle Film- und Medienschaffende, sowie an diesen Vorgängen interessierten Menschen (besonders die, "die im eigenen Empfindungsbewußtsein sich schon als Vorerben einer helleren geistigen Zukunft erkennen" (B.Y.R.)) auf, mitzuwirken und konstruktiv Einfluss auf diesen offenen und freien Schaffungsprozess zu nehmen.