Organisation zur Umwandlung des Kinos

Geistzeit (2012)

 

Sector 16 / Organisation zur Umwandlung des Kinos - GEISTZEIT (2012)

GEISTZEIT, ein Film, der das Medium selbst als Thema hat, wurde von Filmemachern jenseits der Filmindustrie verwirklicht. Drei Darsteller als Teile einer Persönlichkeitsstruktur - Kind, Erwachsener und Weiser - begeben sich auf eine Reise der Selbstwandlung durch mehrere Ebenen des Traumes und des Bewusstseins. Die Projekion spiegelt gleichsam Wahrnehmungsgewohnheiten wie innere Bewusstwerdung als individuelle Seherfahrung. Fahrten durch zerstörte und natürliche Landschaften bis hin zu Flickersequenzen zeichnen Seelenzustände als Bilder fragiler Schönheit. Alles in allem ist es eine Seherfahrung, den Geist zu erhellen.

 

Kritiken:

 

"Es wäre einfach, sich auf die sechs Kapitelüberschriften zu konzentrieren, die die verschiedenen Phasen der Erzählung unterteilen und zu versuchen, damit eine klare Vorstellung zu bekommen, was diese mit "Geistzeit" zu tun haben. Wie im "Stalker" finden wir uns mit einer Suche konfrontiert, die nur in einer offenen Frage enden kann, in einer reinen unbekannten Struktur eines geschlossenen tarkowskischen Raumes - der Raum, der hier beschrieben wird, ist Beispiel eines Konzepts von einem sehr speziellen, klaustrophobischen Ort, von dem Eindeutiges auszugehen unmöglich erscheint: keine Suche nach Antworten oder Fragen, nur Reproduktionen.

Was tatsächlich in Sector 16 in kurzen Metaphern umgesetzt wird ist die Existenz. Die Mühsal der Jugend gefangen im Gewissen, der ethische Kollaps, die zerstörten Träume und das reife Bewusstsein. Aber das Film-Kollektiv hat sich nicht darauf beschränkt. Denn tatsächlich ist das aktuelle experimentelle Kino in einer stilistisch einwandfreien und sorgfältigen Strukturierung gefangen und die besten Exponate dieser Filmsprache verloren ihr grundlegendes Konzept aus den Augen: nämlich etwas Einzigartiges zu machen. Hier sehen wir eine Art kognitiven Prozess, der wie eine Genese (von der Kindheit bis zur letzten Figur des Mentors, das Erwachsenenalter passierend) dargestellt wird, der die Kantische Lehre als eine Methode der Annäherung an die Aussenwelt anerkennt. Es ist eine Kunst, die analytisch das hinterfragt, was uns umgibt. Es ist ein rein synthetisches Verfahren mit erkenntnistheoretischem Ansatz ohne eine mythische Komponente, die von der Harmonie des Gleichgewichts beherrscht wird (wie wir bereits aus dem Titel "Geistzeit", der "deutsche Geist" und "Zeit-Geist-Zeit" erraten können. Die Interpretation als Arbeitsschlüssel entfällt damit bzw. ist gar nicht vorhanden.

Es ist die Rede von einem Wachstum, das zu verstehen ist als die Schwierigkeit bei der Überquerung der Zeit. Es ist ein Ekstase-Fieber, das später in eine beunruhigende Harmonie gipfeln wird, in einer geistigen Fülle am "Ende einer Straße". Doch dies scheint nicht zu einem Abschluss zu führen (weder religiös noch philosophisch), keine Erfüllung einer Dreiecks-Formel (A Spell Ward of the Darkness), die keine Lösungen anbietet, sondern nur eine Erklärung, das Konzept einer Realität, das wiederum nur erklärt werden kann - wie im Sinne von Brakhage in seinem Film Dog Star Man.

Aber wenn die Formel ein geschlossene Kreislauf ist, in dem alles ungewöhnlich stillsteht und sehr speziell ist (Anfang und Ende, die in etwa den Phasen des Lebens entsprechen: Jugend, Reife und unerwarteterweise auch Weisheit, in der zuvor erwähnten Figur des Mentors), dann ist es sinnvoll, zu klären, wie diese Formel aussieht:

Ein junger Mann scheint die unwegsamen verschneiten Felsen bergauf zu steigen, dort an der Spitze angekommen, gräbt er in der Mitte ein großes Loch und wirft sich hinein. Ein Mann läuft auf geheimnisvollen Wegen, die von immer weiter entwickelndem Rauch verdeckt werden, dessen Bedeutung man nur vermuten kann. Nachfolgend wird der Film immer komplexer, die Erzählung nimmt den Weg des Experimentellen. Halluzinationen aus Blau und Rot erscheinen, ein schwer fassbares Heulen und seltsame Geräusche ertönen, aber das üppige Grün der Natur führt uns zu dem letzten der drei Wege, zu einem Asket, der uns an das Meisterwerk von Flüsse und Russel erinnert. Schließlich kehren wir zu den schneebedeckten Weiten zurück, der Asket trifft den Erwachsenen und das Kind erscheint wie in epileptischen sequenziellen Mitteilungen, in von der Kamera unkontrollierbaren Abständen bis zum endgültigen Frieden, dem Ende der Geschichte.

Da dies eine Arbeitsgruppe ist, ist der Film Ergebnis jahrelanger Arbeit und zeigt trotzdem in der formalen Ausführung eine beispielhafte Konsistenz, die keiner klärenden Hermeneutik bedarf.

Der Arbeitsprozess zeigt die Reifung eines geistigen Lebens im Leben selbst, die Einnahme eines GEISTES im Körperbewusstsein wird durch- und vorgeführt. Nichts anderes ist die Physis, ständig vermischt sie sich mit dem gleichen Material zu etwas Übersinnlichen / Transzendentalem."

Cinepaxy / Mailand (2017)

Das italienische Filmmagazin hat den Film GEISTZEIT, als erste deutsche Produktion überhaupt, auf ihre Liste der cineastischen Meisterwerke, die bislang insgesamt 16 Filme umfasst, aufgenommen.

(Stand 2017)


Geistzeit or "The Time of the Spirit", seems to be strongly influenced by Hegel`s "Philosophy of Spirit". In fact, Sector 16, following the German philosopher, whose theory is based on the triad of Subjective, Objective and Absolute Mind approach, give life to a three parts structured movie. Those parts describe the spirit identification and self-awareness process, represented by the figures of the child, man and mentor.

The film reveals to be the representation of the journey that every person must make, starting from his own inner reality, to identify the expressions which the Spirit progressively moves forward: from the simpler and more immediate forms of knowing it elevates itself up to more general and complex forms, archieving at the end the ture unlimited knowledge. This way, through a full experience of itself, arrives to the knowledge of what is in and for itself.

It`s a rising itinerary that takes shape since the first sequence: a slope of a snowy mountain towers majestically in front of us, like an unpassable wall, an obstacle to the knowing; a child, who represents the Spirit self-awareness, is climbing this "wall of darkness" and, after a big effoert, he reaches the summit. There, after digging a hole, he jumps in it, so starting a real process of the Spirit materialization, that, like its oldest acception, show itself in the guise of an enlivening breath, a smoke layer that covers all the reality.

The man, whose misshapen features, like those of a primitive man, express externally the internal ignorance, seems looking for something and fills up an amphora with water and the gaseous substance, as though he were drawing from a spring the knowledge necessary to progrss and unterstand also ourselves. It`s a cognitive process that realizes itself through a slow descent of a thundering stairs in a gloomy room, brightened by a faint suffused light. It`s a place for knowing, meditating and self-raising: it leads the man into a dimension that goes beyond the reality, which is unveiled through flickering red and blue images. We come, at the end, to the third figure, the last step of the knowing process: the mentor.

The continuously transforming setting reflects the condition of the man who self raises spiritually up to the self-awareness: bare and ruined landscpes are replaced, as the Spirit progresses, by natural views, full of luxuriant vegetation and water springs, which are an expresion of life. THe spirit shows itself as a vital origin, the world life and soul at the same time: it creates the elements that allow to reach it, e.g. the immediately perceivable reality, that`s the base of the cognitive process. The content supports the container, because the former lives and expresses itself in the latter.

Sector 16 perform an incredible operation: by using an experimental language they create a deeply esoteric movie, charaterized by an introspective and at the same time universal search, aimed to become a foundation of the film making art.

Cinepensiery (Italien, 2017) zählt den Film zu den zwanzig besten Filmen des 21. Jahrhunderts.


Auszug aus: Gerhard Büttenbender - Die Anfänge (2008)

Vor fünf Jahren begann eine Gruppe von Filmstudenten der Kunsthochschule, trotz der Vorherrschaft von Videoproduktionen, wieder auf Filmmaterial im 16mm-Format zu arbeiten. Sie nutzten die Technik gegen die Richtung des Uhrzeigers. Für sie wurde die Erfahrung im Umgang mit dem Filmmaterial - der "prima materia" - noch einmal ein wichtiger Arbeitsprozess.

"Einige dieser Künstler beschäftigen sich, angeregt durch die Pioniere des experimentellen Films und durch das Studium der Schriften von R.A. Wilson und T. Leary - mit den Schaltkreisen des Nervensystems. Durch das gemeinsame Studium entstand vage eine Filmidee und - sehr manifest - die praktische Vorstellung einer auf den Film bezogenen Arbeit im Kollektiv.

Seit etwa drei Jahren treffen sich bis zu 15 Künstler des Filmkollektivs zum regelmässigen Projektstudium. Dabei arbeiten sie weitgehend ohne Hierachie, dafür hyperaktiv, ideologiefern und pragmatisch. Gemeinsame Recherche und Exkursionen, Exposé und Treatment, Kalkulation und Filmförderanträge, vor allem aber unermüdliche Filmskizzen auf 16mm-Material waren bislang die wichtigsten Arbeitsschritte.

Dabei erleben sie die ursprünglichen Freuden gemeinsamen kreativen Arbeitens, die Befreiung aus dem Ghetto von Entfremdung und Vereinzelung. An guten Tagen entsteht eine Situation, die Ängste und Depressionen lösen kann, die allen gleiche Möglichkeiten optimaler Entfaltung bietet."

GEISTZEIT stellt eine Art Aufbruch dar, unsere Kräfte zukünftig für das Geistige im Film einzusetzen und arbeitet insbesondere mit sprechenden Bildern. Im Gegensatz dazu liegt in MORGENRÖTE IM AUFGANG der Schwerpunkt auf der gesprochenen Sprache.

 

 

Produktion: Organisation zur Umformung des Kinos 2012

Erstaufführung: 22./23.6.2012 Kino im Sprengel