Organisation zur Umwandlung des Kinos

Gerhard Büttenbender - Zitat zum Hören des Tones

Zitat aus Carlos Castaneda ausgewählt von Gerhard Büttenbänder

zu einem Vortrag zur Philosophie des Tones HBK 1994


"Seit Jahren versuche ich aufrichtig, deinen Lehren entsprechend zu leben," sagte ich. "Offenbar ist es mir nicht gelungen. Wie kann ich es jetzt besser machen?"

Ich glaube du sprichst zu viel mit dir selbst. Du mußt aufhören, mit Dir selbst zu sprechen."

"Was willst du damit sagen?"

"Worüber sprichst du mit dir selbst? Darin bist du nicht der einzige. Jeder von uns tut das. Wir führen ständig ein inneres Gespräch. Denk mal darüber nach. Was tust du, sobald du allein bist?"

"Ich spreche mit mir selbst."

"Worüber sprichst du mit dir?"

"Ich weiß nicht; über alles glaube ich."

"Ich will dir sagen, worüber wir mit uns selbst sprechen. Wir sprechen über unsere Welt. Tatsächlich halten wir unsere Welt mit unserem inneren Gespräch aufrecht.

Die Welt ist so-und-so, nur weil wir uns sagen, daß sie so-und-so ist. Wenn wir aufhören uns zu sagen, daß die Welt so-und-so ist, dann wird die Welt aufhören so-und-so zu sein.

Im Augenblick, glaube ich, bist du auf einen so plötzlichen Schritt nicht vorbereitet, darum mußt du anfangen, die Welt langsam aufzulösen."

Ich legte meine Notizen beiseite. Don Juan lachte und sagte, er wolle damit nicht sagen, daß ich die Sache übers Knie brechen müsse und daß das Horchen auf die Geräusche der Welt allmählich und mit viel Geduld geübt werden müsse.

Ich begann mich darin zu üben, auf die "Geräusche der Welt" zu lauschen, ich tat es zwei Monate, wie Don Juan es mir aufgetragen hatte. Anfangs war es eine Qual, zu horchen statt zu schauen, aber noch qualvoller war es, nicht mit mir selbst zu sprechen. Gegen Ende der zwei Monate war ich fähig, meinen inneren Dialog für kurze Zeitspannen auszuschalten und konnte auf Geräusche achten.

Ich horchte aufmerksam. Ich saß mit dem Rücken zur Felswand des Hügels. Eine schwache Taubheit befiel meinen Körper. Don Juan warnte mich davor, meine Augen zu schließen. Ich begann zu horchen und konnte das Zwitschern der Vögel, das Rascheln des Windes in den Blättern, das Summen der Insekten unterscheiden. Als ich meine volle Aufmerksamkeit auf diese Geräusche richtete, konnte ich tatsächlich vier verschiedene Formen des Vogelgezwitschers unterscheiden. Ich konnte erkennen, ob der Wind langsam oder schnell wehte. Auch konnte ich das unterschiedliche Rascheln dreier verschiedener Blattarten auseinanderhalten. Das Summen der Insekten war verwirrend. Es war so vielfältig, daß ich die verschiedenen Formen nicht zählen oder richtig unterscheiden konnte. Wie nie zuvor in meinem Leben tauchte ich in eine fremde Geräuschwelt ein.

Ich konnte all das unterschiedliche Vogelgezwitscher und das Summen der vielen Insekten nicht zählen, aber ich war überzeugt, daß ich jedes einzelne Geräusch so hörte, wie es hervorgebracht wurde. Zusammen bildeten sie eine Anordnung von Geräuschen, die ein Muster ergab. Das heißt, jedes Geräusch trat in einer bestimmten Reihenfolge auf.

Nachdem ich einen Augenblick aufmerksam gehorcht hatte, glaubte ich Don Juans Ermahnung, ich solle auf die Löcher zwischen den Klängen achten, zu verstehen. Das Geräuschmuster wies Zwischenräume zwischen den einzelnen Klängen auf. Zum Beispiel waren bestimmte Vogelpfiffe zeitlich abgestimmt und durch Pausen getrennt, wie auch all die anderen Geräusche, die ich wahrnahm. Das Rascheln der Blätter war ein bindender Leim, der sie zu einem homogenen Summen vereinigte. Tatsache war, daß die Zeitfolge jedes Tons eine Einheit im gesamten Geräuschmuster bildete. So waren die Pausen zwischen den Klängen, wenn ich auf sie achtete, Löcher in einer Struktur.